Neuer niederländischer Sektenbericht

Unter dem blumigen Titel „Das heiße Bad und die kalte Dusche“ wurde in den Niederlanden in diesem Monat eine neue Studie über das Gefahrenpotential neuer religiöser Bewegungen veröffentlicht, die im Auftrag des Ministeriums für Sicherheit und Justiz erstellt wurde. Vor knapp 30 Jahren war der staatliche Sektenbericht 1984 zu dem Schluss gekommen, dass von neuen religiösen Bewegungen in den Niederlanden keine Gefahr ausgehe und deshalb keine Notwendigkeit von Gesetzesänderungen bestünden (vgl. M. Hausin: Staatliche Stellungnahmen zu den sog. „Sekten“ in Europa. MD 2/2000, 47-61). Deshalb wurde damals – im Unterschied zu anderen Ländern wie Belgien oder Frankreich – auch keine staatliche „Sektenliste“ mit angeblich gefährlichen Gruppen herausgegeben.

Eine gesellschaftliche Diskussion um Sekten kam erneut in Gang, als im Jahr 2011 im niederländischen Fernsehen eine Dokumentation ausgestrahlt wurde, die ein „undercover“-Reporter über die esoterische Gruppe „Miracle of Love“ produziert hatte. Obwohl darin keine Straftaten berichtet wurden, hat diese Dokumentation intensive öffentliche Diskussionen ausgelöst und dazu geführt, staatlicherseits eine neue Studie über das aktuelle Gefährdungspotential neuer religiöser Bewegungen in Auftrag zu geben, die nun vorliegt.

In der Studie wurden verschiedene Forschungsmethoden kombiniert: eine Literaturübersicht, Fragebogenuntersuchungen, Interviews, Analyse von polizeilichen und juristischen Dokumenten, Recherche in Internet-Foren und die Einrichtung eines anonymen Beschwerdetelefons. Einschränkend weisen die Forscher aber darauf hin, dass die Studienergebnisse ausschließlich auf den Aussagen von Ex-Mitgliedern beruhen, die sich in der Zeit ihrer Mitgliedschaft ausgenutzt und missbraucht gefühlt haben.

Die Studie identifizierte in den Niederlanden 84 Sekten, in denen von Übergriffen und missbräuchlichem Verhalten berichtet wurde. Die Hälfte dieser Gruppen waren dem christlich-fundamentalistischen Milieu zuzuordnen, in dem ein Missbrauch auf religiöser Grundlage stattgefunden habe. Ein Drittel der Gruppen wurde dem therapeutisch-pädagogischen Bereich zugeordnet, wo ein Missbrauch auf spiritueller Grundlage stattgefunden habe. In fast allen Sekten – in 76 der 84 genannten – wurden psychologische Techniken zur Bindung und dem Ausnutzen der Mitglieder verwendet. Drei viertel der Gruppen war Kleingruppen mit weniger als 100 Mitgliedern.

Tenor der aktuellen niederländischen Studie: Religiöser und spiritueller Missbrauch findet in vereinzelten Kleingruppen statt, jedoch ist der Einfluss solcher Gruppen auf viele Menschen hoch. Zudem bestehe ein hoher Informations- und Beratungsbedarf in diesem Bereich, der bei weitem nicht gedeckt sei. Vermutlich mit Absicht werden in dem Bericht die Namen der 84 Gruppen nicht genannt, sondern nur allgemein die weltanschaulichen Milieus beschrieben. Der französische Staat, der in früheren staatlichen Berichten Gruppennamen genannt hatte (vgl. M. Utsch: Französischer Sektenbericht warnt vor der Versektung von Gesundheitsangeboten. Materialdienst der EZW 7/2013, 267-269), musste nämlich in den letzten Jahren stattliche Summen an Schadensersatz an Jehovas Zeugen, einen Tempelritter-Orden, eine evangelikale Freikirche und eine Sikh-Bewegung zahlen. Begründet wurde dies mit der Verletzung des Artikels 9 der europäischen Menschenrechtskonvention (Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit). Aber gerade wenn man die Religionsfreiheit als ein hohes demokratisches Gut schützen will, sind kritische Studien und differenzierte Informationen über das lebendige Feld neuer religiöser Bewegungen wichtig, wie es der niederländische Bericht eindrucksvoll belegt.

Niederländischer Sektenbericht 2013 (auf Holländisch) http://www.rijksoverheid.nl/regering/documenten-en-publicaties/kamerstukken/2013/10/10/onderzoeksrapport-het-warme-bad-en-de-koude-douche.html

Englische Zusammenfassung (S. 163-168 im Anhang der Publikation)http://english.wodc.nl/onderzoeksdatabase/sektes-in-nederland.aspx

Dr. Michael Utsch, EZW

 

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